Zur Arbeit von Käthe Schönle

von Christian Bazant-Hegemark, 2015

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Die Ausweitung des Gestischen

Käthe Schönle balanciert in Malerei und Zeichnung die unterschiedlichen Eigenschaften, die diesen Medien zugeschrieben werden. Selbige zu verbinden stellt eine Herausforderung dar: eine Vielzahl von Möglichkeiten unterschiedlicher Komplexität entsteht, nicht zuletzt auf Grund ihrer gegenseitig potentiell überlagernden und beeinflussenden Eigenschaften.
Schönle nutzt hierbei sowohl die klare, präzise Identität fokussierter Linien (als Element der klassischen Zeichnung), als auch die offenen, zuweilen poetischen Ausführungen von Farbverläufen und Oberflächen (wie sie von Greenberg als Elemente einer Malerei der Moderne definiert wurden). Durch die Verbindung dieser Elemente produziert sie eine Atmosphäre der Mehrdeutigkeit, die postmodern wird - und die im figurativen Kontext Spannung erzeugt.

Visuell ist das Werk vor allem durch Gestisches und Figuratives definiert, wobei letzteres sich durch eine Intimität auszeichnet die als Schönles “Markenzeichen” verstanden werden könnte. Aufgrund der genutzten gestischen Chiffren könnte man Referenzen zum Abstrakten Expressionismus oder auch zeitgenössischer Flip Art zu finden glauben - am ehesten scheint Schönles Werk jedoch vom Individuellen zu handeln.

Schönles Arbeiten aus dem letzten Jahrzehnt zeigen eine starke figurative Oszillation, die nie wirklich das klar wiedererkennabre Abbild anstrebt. Sie schwingen zwischen erratisch-offenen Linien und losen “Nicht-Konturen” von Oberflächen, deren einzige Semantik ihre augenscheinlichste Charakteristik ist: ihre Farbe. Dadurch erreicht Schönle eine unerwartete (und willkommene) Annäherung zweier vermeintlicher Pole (Inhalt und Form), die sich nicht nur gegenseitig ergänzen, sondern in vielen Arbeiten auf effektive Weise verstärken: die Linie einer Figur wird ihre Geschichte, Stimmung oder Haltung, während eine latente narrative Phrase ihren Weg in die Vorstellung der umliegenden Farbspritzer findet, etc.

Vielleicht liegt in Schönles emotional-intellektueller Vorgangsweise der Grund dafür, dass sie einen Raum zwischen formalen Gegensätzen zu finden vermag - eine formale Sprache, die nicht ins Illustrative geht, sondern auf überzeugende Weise als eine Gratwanderung zwischen Existentiellem und Verspieltem gelingt. Vielleicht wird es dieses direkte, spontane Verbinden vermeintlicher Gegensätze sein, das späteren Generationen als Besonderheit unserer Zeit in Erinnerung bleibt.

 

Intimität und Offenheit
Im Gespräch erwähnt Käthe Schönle eine bereits in der Kindheit empfundene Sentimentalität und Unruhe gegenüber dem konstanten, schrittweisen Verlauf und Verlust der Zeit und der damit einhergehenden Fragilität des menschlichen Daseins. So könnte ihre Arbeit womöglich am besten verstanden werden, wenn man ihre Wurzeln nicht nur im umfassenden Archiv der Skizzenbüchern sucht, sondern auch in den privaten, wahrscheinlich bereits verschwundenen Tagebüchern ihrer Jugendjahre: nicht aufgrund einer vermeintlich potentiellen, in sich ruhenden Nostalgie, sondern wegen einer durch ihr jetziges Werk strömenden, flüchtigen Intimität, die den Blick in tiefere Schichten menschlicher Existenz nicht scheut.

Indem Schönles Arbeit sowohl figurative, gezeichnete Elemente als auch gemalte Oberflächen verbindet, kreiert sie eine Komposition der Zwischenräume - Collagen, die nicht in die Nähe des vordefiniert-Symbolischen gelangen. Sie realisiert Figuration mit den Potentialen zeitgenössischer Zerbrechlichkeit.

Die sich gegenüber stehenden Pole Abstraktion und Figuration, Zwischenraum und Flachheit, Farbe und Linie werden auf eine Art überhöht, die zu ihrem scheinbaren Schwinden führen. Was geschieht ist jedoch vielmehr ein Schwinden ihrer Übergänge und so werden die vermeintlich gegensätzlichen Pole zu Manifestierungen ein und derselben Idee, ein und desselben Vokabulars. Dadurch entsteht ein Oeuvre das "Ismen" verblassen lässt, und sich stattdessen frei zwischen dem bewegt was getan werden könnte und tatsächlich getan wird, zwischen dem was ist oder auch einfach nur sein könnte. So lässt Schönle einen individuellen Rhythmus attraktiver Lässigkeit entstehen, der so frei wie engagiert wirkt.

Narrativ verträgt sich das gut mit der Art von Negativraumnutzung, die Schönle durchgehend verwendet - visuell und semantisch. Dargestelltes zu erhöhen indem es nicht (oder nur unscharf) gezeigt wird, ermöglicht Visualitäten bewusst zu entkoppeln - wodurch jede Form, jede Visualität das Potential auf einen ihr eigenen Rhythmus erhält, auf einen eigenen Kosmos mit eigener Schwerkraft - ohne die Notwendigkeit zu Konkurrenz oder Interaktion mit benachbarten Chiffren.
Daraus entsteht ein Selbstbewusstsein, wie es nur Intimität und Offenheit erlauben.

 

 


About Käthe Schönle's work

by Christian Bazant-Hegemark, 2015

 

 

 

Extending the Gestural

Käthe Schönle is an artist balancing the various medial challenges and possibilities of painting and drawing. With both of these offering different complexities and dynamics, her work includes the clear-cut, precise identities of focused lines, as well as featuring the more open, at times poetic renderings of ambiguous gradients and surface areas.
Visually, Schönle’s work is recurringly defined by two predominant arenas: the gestural, as well as her intimate trademark use of figuration which, because of their gestural ciphers, could be understood to reference Abstract Expressionism or contemporary Flip Art dynamics. Ultimately though, Schönle’s work seems to be about individual matters, rather than feeling like the reprocessing of art historic references.


When confronted with Schönle’s work from the last decade, one can understand a strong figurative oscillation - one that doesn’t ever focus or implement the truly mimetic, but rather swings between erratic, open outlines, and the lose uncontours of surfaces without semantics other than their most obvious characteristic: color. Through this, she reaches an unexpected and welcoming proximity between content and form, which in the strongest pieces feel to complement each other - a figure’s line becoming their story, mood or attitude; a latent narrative phrase feeling it’s way into a splash of color.


It might be because of her emotional yet smart approach towards these formal polarities that Schönle’s work manages to find a balance between what could end up feeling straight-forward illustrative. For some reason, her work doesn’t at all; rather, it convincingly manages manifesting a tightrope walk along an existential, yet playful approach to life.
It’s this kind of natural blending of purported opposites that might be remembered as our times’ specialities: the inclusive extension of formalistic means.

Intimacy and Openness

In conversation, Schönle mentions an atmosphere of sentimentality back when still a child: about the constant, progressing loss of time. Schönle’s work might best be understood by considering its roots not in the extensive range of sketch books kept in her studio (which are insanely beautiful, perfect objects of desire - but which Schönle doesn’t exhibit, and are rarely shown to visitors), but in the even less public, and probably long gone diaries of her teen days: not because of some alleged potential, latent nostalgia in her current work, but rather because of a volatile, saturating intimacy that feels to flow through her current work - whether it’s a small drawing or a painting twice one’s size.


It feels shallow to mention an artist’s ability to work in extremely differing formats, but in Schönle’s case it could be an important aspect: it seems to have significance about her will towards the artistic process. Balancing a life between a variety of economic realities, she doesn’t accept production breaks, instead switching process and format, in a welcoming attitude of proactivity. The will to reflect, to express, to manifest - art and its production as space for thought and individuality beyond circumstance.
Through all of this, Schönle’s work puts its weight on spacing and composition, creating a kind of collage arena for both figurative scribbles and painted surfaces - [nbsp]without getting into the vicinity of the overly predefined or symbolic. It’s figuration that an alternate Schiele might have looked for, with its potential for a certain contemporary fragility mixed with sensitive safety.


The poles of abstraction, figuration, spacing, flatness, colors and lines are inflated in a way that apparently diminish them entirely, becoming smooth gradients of one and the same thing - manifestations of the same idea, the same vocabulary. It's an oeuvre that lets isms feel outdated, wandering freely between what could and can be done, between what is and might be; creating its own rhythm in a nonchalant way that feels attractive because it is free but committed. Schönle could well be described as an artist whose inherent attitude is the one of appropriation.


Narratively, this goes together nicely with the kind of negative spaces Schönle continuously creates: visually, as well as semantically. Highlighting things by not showing them, by leaving them out of focus, even out of the actual physical canvas space - in a strategy that doesn't feel like denial, but more like a strategy of conscious decoupling of visualities. Which ultimately leads to each form, each visuality having the potential for its own rhythm, cosmos and gravity - without the need to compete with neighboring ciphers.
There’s self-confidence in this, the kind that emerges out of intimacy and openness - and what more could we look for.